Kinderwunsch & Reproduktionsmedizin
Kinderwunsch und Psyche: Warum die emotionale Belastung so gross werden kann
Warum unerfüllter Kinderwunsch und IVF/ICSI emotional so belastend sein können – und wann psychologische Beratung oder Psychotherapie unterstützen kann.
Carolina Wiesendanger

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann weit mehr berühren als die Frage, ob eine Schwangerschaft eintritt. Mit zunehmender Dauer können Hoffnung und Enttäuschung, medizinische Untersuchungen, Entscheidungen über Behandlungen und das wiederholte Warten immer mehr Raum im Alltag einnehmen. Besonders während einer Kinderwunschbehandlung mit IVF oder ICSI erleben viele Betroffene Phasen starker emotionaler Belastung.
Traurigkeit, Angst, Anspannung, Neid, Wut oder das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, sind in dieser Situation keine ungewöhnlichen Reaktionen. Gleichzeitig bedeutet ein unerfüllter Kinderwunsch nicht automatisch, dass eine psychische Erkrankung vorliegt.
Wichtig ist vor allem: Psychische Belastungen gelten heute nicht pauschal als Ursache einer Infertilität. Die ältere Vorstellung einer sogenannten „psychogenen Infertilität“ ist wissenschaftlich so nicht haltbar. Vielmehr kann die Erfahrung von Infertilität selbst zu einer erheblichen psychischen Belastung werden.
Warum kann ein unerfüllter Kinderwunsch psychisch so belastend sein?
Kinderwunsch ist häufig mit einer Zukunftsvorstellung verbunden: mit Familie, Partnerschaft, Identität und einer Vorstellung davon, wie das eigene Leben einmal aussehen soll.
Wenn eine Schwangerschaft nicht wie erwartet eintritt, entsteht deshalb nicht einfach nur ein medizinisches Problem. Plötzlich wird etwas unsicher, das zuvor möglicherweise selbstverständlich erschien.
Das Handout zur Gynäkopsychologie beschreibt Infertilität entsprechend als einschneidende und belastende Lebenserfahrung beziehungsweise als „critical life event“. Zu den möglichen Folgen gehören Stressreaktionen, Unsicherheit, Angst und depressive Symptome, sozialer Rückzug, Stigmatisierungsgefühle, Selbstwertprobleme, Kontrollverlust, sexuelle Probleme und eine Beeinträchtigung der Lebensqualität.
Dabei unterscheiden sich Menschen erheblich darin, wie stark sie belastet sind und welche Unterstützung sie benötigen. Auch die AWMF-Leitlinie sieht deshalb psychosoziale Aspekte als relevanten Bestandteil einer umfassenden Betreuung bei Fertilitätsstörungen.
Hoffnung, Angst, Trauer und Neid können gleichzeitig auftreten
Eine Besonderheit des unerfüllten Kinderwunsches ist die emotionale Ambivalenz.
Eine Freundin wird schwanger – und man freut sich für sie. Gleichzeitig kann ihre Schwangerschaft schmerzhaft daran erinnern, was einem selbst fehlt. Eine Einladung zu einer Babyshower kann deshalb Freude, Trauer, Neid, Wut oder Angst gleichzeitig auslösen.
Manche Betroffene erschrecken über diese Gefühle und bewerten sich dafür zusätzlich negativ:
„Warum kann ich mich nicht einfach für sie freuen?“
„Was stimmt mit mir nicht?“
„Ich möchte nicht neidisch sein.“
Dadurch kann zur ursprünglichen Trauer eine zweite Ebene entstehen: Scham, Schuldgefühle oder Selbstabwertung.
Gynäkopsychologisch kann es hilfreich sein, zwischen der unmittelbaren emotionalen Reaktion und diesen nachfolgenden Bewertungen der eigenen Gefühle zu unterscheiden. Gefühle wie Trauer, Angst, Wut oder Neid können zunächst verständliche Reaktionen auf eine als belastend oder bedrohlich erlebte Situation sein.
Der Verlust von Kontrolle
Ein weiteres häufiges Thema ist Kontrollverlust.
Viele Lebensbereiche lassen sich zumindest teilweise planen: Ausbildung, Beruf, Wohnort oder Reisen. Beim Kinderwunsch funktioniert dieses Prinzip nur begrenzt.
Man kann Untersuchungen durchführen lassen, Termine organisieren, Medikamente korrekt anwenden und medizinische Empfehlungen befolgen – und trotzdem lässt sich das Ergebnis einer Behandlung nicht vollständig kontrollieren.
Gerade Menschen, die gewohnt sind, Probleme durch Planung, Leistung und Anstrengung zu lösen, können diese Erfahrung als besonders belastend erleben.
Gedanken wie
„Was kann ich noch tun?“
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
oder
„Wenn ich alles richtig mache, muss es doch irgendwann funktionieren.“
können Ausdruck dieses Versuchs sein, in einer schwer kontrollierbaren Situation wieder Sicherheit herzustellen.
IVF und ICSI können die Belastung zusätzlich verstärken
Eine reproduktionsmedizinische Behandlung bringt eigene psychische Anforderungen mit sich.
Das gynäkopsychologische Handout beschreibt den Behandlungsprozess als Abfolge wiederkehrender Belastungsphasen: Entscheidung für die Behandlung, Untersuchungen und Diagnose, hormonelle Stimulation, Ultraschallkontrollen, Punktion, Befruchtung, Transfer und schließlich das Warten auf den Schwangerschaftstest.
Dabei können sich Hoffnung und Unsicherheit immer wieder abwechseln.
Wie viele Follikel entwickeln sich? Wie viele Eizellen können gewonnen werden? Kommt es zur Befruchtung? Kann ein Transfer stattfinden? Hat die Einnistung funktioniert?
Gerade die Wartezeiten werden von manchen Betroffenen als besonders schwierig erlebt. Körperliche Empfindungen können plötzlich intensiv beobachtet und interpretiert werden. Hoffnung kann sich mit dem Wunsch abwechseln, sich vor einer weiteren Enttäuschung zu schützen.
Studien bestätigen, dass fertilitätsbezogene Belastung mit allgemeiner psychischer Belastung zusammenhängen kann. In einer Schweizer Paarstudie mit 116 Paaren vor einer Fertilitätsbehandlung war infertilitätsbezogener Distress mit psychischem Distress assoziiert. Die Ergebnisse zeigen zugleich, wie wichtig es ist, Frauen und Männer beziehungsweise beide Partner:innen individuell zu betrachten.
Wenn sich das Leben immer stärker um den Kinderwunsch dreht
Mit zunehmender Dauer kann der Kinderwunsch beginnen, andere Lebensbereiche zu verdrängen.
Freizeitaktivitäten werden möglicherweise reduziert, Reisen um Behandlungszyklen herum geplant und soziale Situationen mit Schwangeren oder Familien vermieden. Manche Paare sprechen kaum noch über etwas anderes; andere vermeiden das Thema zunehmend.
Auch Sexualität kann sich verändern. Wenn Geschlechtsverkehr mit Zyklus, Eisprung und optimalem Zeitpunkt verbunden wird, kann aus Intimität zunehmend eine Aufgabe werden. Das Handout nennt deshalb Partnerschaft, Kommunikation und Sexualität ausdrücklich als relevante Bereiche der psychologischen Begleitung bei Infertilität.
Rückzug oder Schonung können kurzfristig entlasten. Wenn dadurch jedoch immer mehr positive Aktivitäten, soziale Kontakte und andere Quellen von Lebensqualität wegfallen, kann die Belastung langfristig weiter zunehmen.
Ein Blick durch die Konsistenztheorie: Wenn wichtige Bedürfnisse bedroht werden
Eine zusätzliche psychotherapeutische Perspektive bietet die Konsistenztheorie nach Klaus Grawe.
Menschen streben demnach danach, zentrale psychische Grundbedürfnisse zu befriedigen – insbesondere nach Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung beziehungsweise Selbstwertschutz sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung.
Ein unerfüllter Kinderwunsch kann mehrere dieser Bereiche gleichzeitig berühren.
Orientierung und Kontrolle können beeinträchtigt sein, weil der weitere Verlauf trotz grosser eigener Anstrengung unsicher bleibt.
Der Selbstwert kann berührt werden, wenn Betroffene die Infertilität als persönliches Versagen interpretieren oder ihren Körper als nicht funktionierend erleben.
Bindung kann betroffen sein, wenn Partner:innen unterschiedlich mit der Situation umgehen oder wenn Kontakte zu Freund:innen und Familie schwieriger werden.
Und auch positive Erfahrungen und Lebensfreude können zunehmend in den Hintergrund treten, wenn der Kinderwunsch immer mehr Raum einnimmt.
Aus dieser Perspektive ist verständlich, warum die Belastung so umfassend werden kann: Nicht nur ein einzelnes Ziel ist bedroht. Mehrere zentrale Lebensbereiche und psychische Bedürfnisse können gleichzeitig betroffen sein.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Person mit unerfülltem Kinderwunsch dieselben Reaktionen zeigt. Persönliche Erfahrungen, vorhandene Ressourcen, Partnerschaft, soziales Umfeld, zusätzliche Belastungen und der konkrete Behandlungsverlauf beeinflussen wesentlich, wie die Situation erlebt wird.
Wann kann psychologische Unterstützung bei Kinderwunsch sinnvoll sein?
Psychologische Unterstützung muss nicht erst beginnen, wenn eine psychische Erkrankung entstanden ist.
Sie kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn der Kinderwunsch zunehmend den Alltag bestimmt, starke Angst oder Traurigkeit auftreten, medizinische Entscheidungen überfordern, soziale Situationen immer häufiger vermieden werden, die Partnerschaft oder Sexualität belastet sind oder wiederholte erfolglose Behandlungen schwer zu verarbeiten sind.
Auch die Entscheidung, eine Behandlung fortzuführen, zu verändern oder zu beenden, kann psychologisch begleitet werden.
Je nach Belastung und Anliegen kann eine psychologische Beratung oder Psychotherapie passend sein. Eine sorgfältige Abklärung hilft dabei zu unterscheiden, welche Form der Unterstützung sinnvoll ist. Das entspricht auch der im gynäkopsychologischen Handout beschriebenen bedarfsorientierten Vorgehensweise.
Psychotherapie bei Kinderwunsch in Zürich
Bei FemCare in Zürich begleiten wir Frauen und Paare bei psychischen Belastungen im Zusammenhang mit unerfülltem Kinderwunsch sowie während reproduktionsmedizinischer Behandlungen wie IVF und ICSI.
Im Mittelpunkt steht nicht die Vorstellung, psychische Belastungen seien „schuld“ daran, dass eine Schwangerschaft nicht eintritt. Psychotherapie kann vielmehr dabei unterstützen, mit Unsicherheit und Kontrollverlust umzugehen, belastende Gedanken und Emotionen einzuordnen, Ressourcen zu erhalten und die Auswirkungen des Kinderwunsches auf Alltag, Partnerschaft und Lebensqualität zu bearbeiten.
Die Begleitung richtet sich nach der individuellen Situation und kann vor Ort in Zürich oder online erfolgen
